Lehre zu Zeiten der Corona

Digitaler Unterricht an der Technischen Hochschule Mittelhessen

Präsenzlehre ade: die Pandemie zwingt zur digitalen Lehre, auch an der Technischen Hochschule Mittelhessen

Als Lehrbeauftragter ist Diplom-Grafikdesigner Christoph Luchs neben seiner Tätigkeit bei Cogneus Design für die Vermittlung des Faches “Digitale Markenentwicklung” an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen verantwortlich. Dabei lernen die Studierenden im Studiengang Social Media Systems, wie sie Marken von Grund auf erfinden und entwickeln sollen. Ausgehend von einer innovativen Geschäftsidee werden alle Schritte der Markenentwicklung von der Wortmarke über das Grafik-Design bis hin zum Styleguide und den typischen Medien erarbeitet. Am Ende des Semesters präsentieren die einzelnen Arbeitsgruppen jeweils ihre fertig erstellten Marken und zeigen, wie diese in den Medien und in der Öffentlichkeit auftreten.

Soweit die Theorie. In der Praxis treffen sich dazu alle Studierenden und der Dozent in den Räumlichkeiten der THM des Fachbereichs MNI am Standort Gießen. Die Termingliederung ergibt sich aus Frontalunterricht, Gruppenarbeiten, Coaching durch den Dozenten, Zwischenpräsentationen, Diskussionen und Abschlussrunden. Durch die kontinuierliche Arbeit einmal in der Woche bleiben alle Gruppen am Ball und erarbeiten sich so Schritt für Schritt ihre eigene Markenwelt.

Der Vorteil an dieser Arbeitsweise: die Gruppen können sich intensiv austauschen, spontane Fragen werden direkt vor Ort beantwortet und Recherche-Aufgaben im Team können verteilt werden. Skizzen zeigen einen Einblick in erste Ideen, wichtige Inhalte können ad hoc an der Tafel für alle vermittelt werden, wenn es zum Beispiel um wichtige Details in der Gestaltung der Typografie geht. Die fertigen Präsentationen werden vor allen Teilnehmenden gehalten, sodass unmittelbar Feedback, Kritik und Anregungen geäußert werden kann. Das Vorgehen garantiert, dass alle  Studierenden, wenn auch in geringem Umfang, am erfolgreichen Gelingen der jeweils anderen Gruppenarbeiten beteiligt sind!

Shutdown by Corona

Die Pandemie zwingt auch Studierende in die eigenen vier Wände.

So plötzlich, wie die Corona-Pandemie sich auf dem Globus ausgebreitet hat, so rasch musste auch die Hochschule reagieren und damit alle Veranstaltungen vor Ort absagen. Alle angeordneten Schließungen wurden bis auf weiteres ausgesprochen. Die Gefahr, sich in engen schlecht gelüfteten Unterrichtsräumen anzustecken, ist einfach zu hoch. Doch welche Alternative steht nun zur Verfügung? Es gibt immer einen Weg, und wenn es keinen gibt, dann gibt es Gründe. In diesem Fall hat sich das Kollegium des Fachbereichs zusammengeschlossen und eine effiziente Lösung für alle Pflichtvorlesungen und Seminare erarbeitet. Dazu wurden auch die Lehrbeauftragten einbezogen – sonst wäre das gesamte Semester auf ein Rumpfprogramm zusammengeschrumpft, ohne Ergänzung durch Lehrbeauftragte und ihren praxisorientierten Unterricht.

Nun stand die Frage im Raum: wie kann man ein gesamtes praxisorientiertes Semester in Gruppenarbeit in digitaler Form umsetzen? Was geht, was geht nicht? Welche Möglichkeiten bieten sich dennoch?

Zwei Os für die Bildung: Zoom und Moodle

Als digitale Plattform wurde Zoom ausgewählt. Trotz Bedenken der Datenschutzbeauftragten aufgrund der Berichterstattung zu früheren Versionen der Software wurde nach Tests die Entscheidung getroffen. Stabilität der Videosignale und Usability standen im Vordergrund. Unter anderem bietet die Profi-Fassung die Option, alle Teilnehmenden in einer Videosession in sogenannte Breakout-Rooms zu verteilen. Dabei können die Studierenden entweder per Zufall oder manuell zu einer Gruppe zugeordnet werden.

Daten werden dabei nicht per Zoom ausgetauscht – hier dient Moodle – das etablierte Daten-Management-System für Bildungseinrichtungen – als Austausch-Plattform. Aufgaben, Termine, Abgaben und Skripte der Vorlesungen werden hier für die eingeschriebenen Studierenden bereitgestellt. Über Zoom und Modle wurde also tatsächlich der gesamte Kurs und die Gruppenarbeit digitalisiert!

Interaktion und Engagement wie im echten Leben

Aufmerksamkeit und Engagement ist nicht nur im realen Leben gefragt, sondern auch in der Lehre.

Zur Beteiligung und Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden zeigt sich auch hier: wer sich aktiv einbringt und engagiert, der kann dazu beitragen, eine Videokonferenz lebendig zu gestalten. Gut, morgens um 8.00 Uhr hat man da seine liebe Not, die Studierenden wach zu bekommen. Doch eines ist sicher: den Weg vom Bett zum Laptop schaffen sogar die Schlafmützen, wie mir andere Dozent:innen bestätigt haben. Das bedeutet auch: weniger Fehlzeiten, eine höhere Präsenz. Eigentlich ein Widerspruch.

Zur Interaktion dienen die Videokamera, Gestiken, Ton sowie einige Features der jeweiligen Lösung: Daumen nach oben, Handheben oder Applaus sind mittlerweile Klassiker. Doch schon mit dem Video wird es schwierig. Zum einen verfügt nicht jede:r Studierende über eine schnelle Internetverbindung, zum anderen weigern sich einige, ihr Bild im Chat zu zeigen. Dafür erscheint dann ein neutrales Piktogramm oder das Profilbild. Bei letzterem fragt man sich schon häufiger: war es wirklich das Bild für Zoom? Oder für Tinder?

Bleiben die Kameras aus, so entsteht nach einer kurzen Zeit schon der Eindruck, dass der Dozent in einen leeren Raum spricht. In einem großen Hörsaal kann das durchaus auch der Fall sein. Allerdings mutet es doch sehr befremdlich an, dass man während des Vortrags für alle dauerhaft sichtbar ist, während sich das Publikum versteckt. Und hier kommt der Dozent auch zu seiner letzten und wichtigsten Erfahrung: Alle Studierenden befinden sich in einem Abstand von ca. 40 Zentimeter vor der Nase. Würden sich alle persönlich in diesem Abstand gegenüber stehen, so wäre es allen unangenehm, vom Pandemie-Abstand von 1,5 Meter ganz zu schweigen.

Schauen sich zwei Menschen in die Augen, so bedeutet die Dauer des Blickkontakts, ob man sich persönlich mag. In einer Videokonferenz ist das etwas ganz anderes. Hier ist man bestrebt, in die Kamera zu schauen, um zu zeigen, dass man sich interessiert oder an der Konferenz teilnimmt. Allerdings stellt sich dabei nach kurzer Zeit eine arge Verspannung ein. Denn das permanente gegenseitige Anstarren über eine Zeit von bis zu drei Stunden führt letztlich dazu, dass man doch gern mal den Blick abwenden würde – und auch die Kamera, die alles und jederzeit beobachtet.

Gruppenarbeiten in den Breakout-Rooms

Gruppenarbeiten sind in Chats und Breakout-Rooms möglich.

Die praktischen Gruppenarbeiten, die im realen Leben im Seminarraum über Tische hinweg stattfinden, werden auch in der digitalen Welt ermöglicht. Dazu bietet die Lösung Zoom die sogenannten Breakout-Rooms. Das sind also Chats, die aus dem gemeinsamen Chat mit allen erstellt werden können. Die Breakout-Rooms können sowohl zufällig mit einer bestimmten Anzahl an Teilnehmenden erzeugt werden als auch manuell. Das ist in der Praxis etwas zäher, als es sich anhört. Dazu müssen alle Studierenden – in diesem Semester bis zu 26 – per Hand in die einzelnen Gruppen zusammengezogen werden. Das ist etwas träge und könnte mit einer Voreinstellung schneller umgesetzt werden.

Dann geht’s auf Knopfdruck los: in den Breakout-Rooms treffen sich dann die Studierenden zu 4 bis 6 Personen und unterhalten sich im Videochat. In der Regel legen alle ihre Ideen oder Skizzen in einem Google-Dokument ab, damit keine Daten per E-Mail hin und her geschickt werden. Eine Gruppenarbeit kann also nur in der Cloud stattfinden!

Moderator:innen können sich jederzeit zum Breakout-Room hinzuschalten, was bei den Studierenden stets zu einem “O” führt und sich alle etwas hektisch vor den Kameras aufrichten. Natürlich können die Studierenden auch um Hilfe bitten. Dazu wird dann eine Nachricht ausgesendet und der Lehrbeauftragte schaltet sich dann zur Gruppe, wenn er mit der vorherigen fertig ist.

Digitale Präsenz ist nicht schlechter oder besser

Alle Studierenden, die mittels technischer Plattformen mit ihren Lehrenden in Kontakt treten, dürfen sich glücklich schätzen. Denn es gibt auch das Gegenteil: Tonnenweise Word-Dokumente, PDFs und Aufgaben flattern den Studierenden per E-Mail herein. Es gibt kaum persönlichen Kontakt. Abgaben werden als Datenpaket an eine Adresse gesendet, eine Benotung erfolgt ohne große Erklärung. Hier sind die Studierenden auf sich allein gestellt. Wozu studieren sie dann noch an einer Hochschule? Anonymer kann ein Studium ohne Videopräsenz und Gruppenarbeiten gar nicht sein, da könnte man auch in den eigenen vier Wänden ein Abendstudium beginnen. Ende ungewiss.

Hochschule funktioniert also in dieser Zeit nur mit technischen Lösungen! So präsent war die Lehre aus Sicht der Lehrenden noch nie – und anders herum wird es ähnlich sein. Denn wer nimmt seine Professorinnen und Dozenten schon mit in die WG-Küche oder ins Schlafzimmer? Vom eigentlichen Präsenzunterricht sind wir also in einer digitalen Präsenz gelandet. Und der ist manchmal viel menschlicher und direkter, als man das auf den ersten Blick vermutet. Zudem sind auch alle Lehrenden gefordert: mit ihrem Engagement steht und fällt der Erfolg des Studiums!

 

 

 

 

 

 

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