User Interface Design für Arzt und Patient

Medizinisches Forschungsprojekt an der Philipps-Universität hilft bei der Reduzierung von Medikamenten

Polypharmazie – so lautet das Thema des Teams des Fachbereichs Allgemeinmedizin der Philipps-Universität Marburg. Wenn Patienten in hohem Alter zunehmend Medikamente gegen Symptome oder chronische Leiden verschrieben bekommen, sammeln sich viele Präparate in der wöchentlichen Tablettenbox an.

Je mehr Wirkstoffe aufeinander treffen, um so gefährlicher wird es für die Patientinnen und Patienten. So führen manche Wirkstoffe bei jahrelanger Einnahme zu Organschäden oder haben nachhaltigen Einfluss auf Kreislauf und Stoffwechsel.

Aus diesem Grund wurde eine Wissensdatenbank entwickelt, die es erlaubt, Wechselwirkungen von Medikamenten nach den Gegebenheiten des Patienten – Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen – in Beziehung zu setzen: “MediQuit”. Der Name ist Programm. Zu viele Medikamente sollen nach Möglichkeit reduziert werden. So die Theorie.

Doch wie sieht die Praxis aus? Konkret bekommen Patientinnen und Patienten Medikamente verschrieben und nehmen diese, wie empfohlen. Allgemeinmediziner und Fachärzte handeln selten in Abstimmung. Neben der Ansammlung der Medikamente kommen auch Gewohnheiten ins Spiel – manche Medikamente verhelfen den Patienten zu mehr Lebensqualität. Das bedeutet auch Vertrauen und Gewohnheit.

Gesucht: ein User Interface für die Waage.

Wie können nun Patientin und Arzt miteinander herausfinden, welches Medikament überflüssig wäre? Hier wendete sich das Team der Philipps-Universität an Cogneus Design. In einem ersten Workshop wurde die Thematik spielerisch erarbeitet – mithilfe eines Use Cases und bunten Smarties gelang es, die hoch wissenschaftliche Thematik auf konkrete Dinge hinzuführen. So bilden konkrete Objekte eine Spielfläche und können in Beziehung gesetzt werden. Gut oder schlecht? Für die Medizinerin oder den Arzt mag dies ganz anders aussehen als für Patient und Patientin.

Um also diese Argumente gegeneinander auszuloten und abzuwägen, wurde die Metapher der Waage gewählt. Doch nach welchen Regeln wird gespielt? Hierzu gerät das Medikament in den Mittelpunkt, genauer gesagt, auf die Waagschale. Das Spielfeld ist aufgeteilt in ein rotes und in ein grünes Feld. Rot steht natürlich für die Nachteile des Medikaments, Grün für die Vorteile. Assoziationen zu Spielen wie Kalaha oder Backgammon sind durchaus beabsichtigt!

Um nun die Argumente auf die Spielfläche zu bewegen, können sowohl Patient als auch Arzt die Argumente aus einer Schublade ziehen. Diese sind grob unterteilt in Alltag, Organe und weitere medizinische Argumente. Der Alltag kann positiv wie negativ beeinflusst werden. Daher wird unterschieden in z.B. Haushalt, Freizeit oder Gedächtnis. Wechsel- und Langzeitwirkungen sowie Magen, Darm, Herz, Leber etc. stehen aus medizinsicher Sicht Pate.

Drag-and-drop: Argumente werden auf der Spielfläche hin und her bewegt

Per Drag-and-drop werden diese Argumente auf die Spielfläche gezogen. Unterteilungen helfen, um den negativen oder positiven Einfluss genauer zu bewerten. So wird ein Argument auch gleich gewichtet – nach einem geringen, normalen oder hohen Einfluss. Je nach Position schlägt der Zeiger unterhalb des Medikaments in die Richtung “beibehalten” oder “ändern” aus. Nun kommen weitere Argumente ins Spiel. Es ergibt sich ein Gesamtbild, welches Argument für oder gegen das Medikament steht.

Natürlich geschieht dies nicht wortlos – Arzt und Patient unterhalten sich dabei. So erhält der Arzt auch einen Einblick in das persönliche Umfeld des Patienten. Der Patient hingegen kann sich in Ruhe dabei anhören, was aus medizinischer Sicht für oder gegen das alltägliche Medikament spricht.

Zum Ende liegt ein Abbild des Gesprächs auf der Bedienoberfläche – alle Argumente sind verteilt und abgewogen. Das User Interface erlaubt es somit, dass das Gespräch immer wieder an den konkreten Argumenten festgemacht werden kann. So wird das Gespräch auf spielerischer Weise dokumentiert und der Ausgang ist für alle Beteiligten sichtbar.

User Interface Design für medizinische Anwendungen

Cogneus Design gestaltete das User Interface für die Web-Anwendung MediQuit mittels interaktivem Prototyping. Das Ergebnis ist eine Anwendung in HTM5, die auf jedem Browser ausführbar ist – natürlich auch auf Tablets, wie das Design konkret vorsieht. Klar gestaltete Piktogramme unterscheiden sich grafisch so voneinander, dass sie schnell erfasst werden. Zusätzliche Beschriftungen – auch frei wählbare – runden die Orientierung im User Interface ab.

Cogneus konnte in diesem Projekt die Erfahrungen aus über zehn Jahren Interface Design einbringen. Vom grafischen Interface der Bedienoberfläche, den geeigneten Semantiken bis zu der Ausgestaltung der zahlreichen Piktogramme reicht die Bandbreite im Design der Anwendung.

Im nächsten Schritt der wissenschaftlichen Untersuchung wird die Web-Anwendung im konkreten Patienten-Arzt-Gespräch erprobt. Die Praxis wird zeigen, ob sich das spielerische Bedienkonzept bewährt, um langfristig an die Wissensdatenbank angeschlossen zu werden.