Interkulturelles Webdesign – Warum so unterschiedlich?

Interkulturelles Webdesign

Internetseiten werden in Asien anders gestaltet als in Europa. Warum das Design kulturell begründet ist.

Kleingeschriebener dicht gedrängter Text, blinkende Seitenelemente, aufpoppende Anzeigen, unzählige Verlinkungen und ein enormes Informationsangebot. Wenn Sie schonmal auf einer japanischen Internetseite unterwegs waren, wissen Sie, was ich meine. Für jemanden aus dem westlichen Kulturkreis erst einmal überfordernd und wahrscheinlich eher abschreckend. Ein starker Kontrast zu einer bspw. deutschen Webseite, von der erwartet wird, dass sich in Sekunden ein Überblick verschafft werden kann, die seriös und ansprechend wirken soll und man schnell gezielte Informationen findet. Doch warum bringt interkulturelles Webdesign solche Unterschiede mit sich?

High-Context und Low-Context

Dafür müssen wir uns erst einmal mit einem Kulturansatz beschäftigen, der 1976 von dem US-amerikanischen Anthropologen und Ethnologen Edward Twitchell Hal vorgestellt wurde. Demnach gibt es High-Context und Low-Context Kulturen, die die unterschiedlichen Kulturen der Welt in zwei Gruppen einteilt. Low-Context Kulturen findet man beispielsweise in den USA oder vielen europäischen Staaten. Hier gibt es einen schwachen Kontextbezug, was bedeutet, dass Nachrichten direkt ausgesprochen werden. Es wird kein Raum für Spekulationen gelassen, sondern Informationen werden präzise vermittelt. Der Kontext tritt in den Hintergrund, da die Aussage im Mittelpunkt der Kommunikation steht.

Im Gegensatz dazu nimmt bei High-Context Kulturen der Kontext eine wesentlich wichtigere Rolle ein. Vor allem im asiatischen Raum, aber auch in afrikanischen und südamerikanischen Ländern liegt viel mehr Bedeutung in der Körpersprache, der Stimmlage und in Signalen, die zwischen den Zeilen vermittelt werden. Häufig gilt es als unhöflich, Dinge direkt auszusprechen und zu viele Details werden als negativ gewertet.

Mit diesen Hintergrundinformationen können wir die Erwartungen der jeweiligen Kulturkreise an eine Webseite ein bisschen besser verstehen. Der Wunsch nach schneller Informationsbeschaffung in Kombination mit der Direktheit der Low-Context Kulturen führt zu einem minimalistischen schlanken Webdesign mit klaren Strukturen, aussagekräftigen Überschriften und allen Daten und Fakten im Überblick. Um von der Sicherheit der Produkte zu überzeugen, werden gerne Gütesiegel, Zertifikate und Referenzen veröffentlicht, sowie die Tradition und Geschichte des Unternehmens dargestellt. Sprich: Es sind alle wichtigen Informationen schnell zu finden, ohne von unwichtigen Details abgelenkt zu werden.

Dagegen sind es in High-Content Kulturen wie China, Japan oder Korea genau die vielen Details und die Masse an Informationen, die eine gute Webseite ausmachen. Es soll sich ein Eindruck von dem Produkt und dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern durch die Fülle an Text und Animationen gemacht werden können. Jeder Freiraum wird gefüllt, da dieser eher Irritationen erwecken würde und durch den Lesebruch zum Verlassen der Seite führen kann.

Fonts, Farben und Fettnäpfchen

Jedoch ist für das Erstellen einer Webseite eines anderen Kulturkreises ist nicht nur das Design entscheidend. Wir müssen uns einiger Fettnäpfchen bewusst sein, um Missverständnisse zu vermeiden.

Nicht nur die Fonts und Schriftzeichen sind völlig anders, auch die Farben! Einige Farben haben in verschiedenen Ländern grundlegend andere Bedeutungen. Ich picke mir hier ein paar heraus: Die Farbe Rot, die in Deutschland für Alarm, Gefahr oder auch die Liebe steht, wird in China mit Freude und Heiterkeit und in Ägypten mit Tod und Trauer in Verbindung gebracht. Gelb steht in Deutschland für Eifersucht, Neid und Vorsicht, in Schweden für günstig und kostenlos und in China für Weisheit. Die Bedeutung von weiß ist in Deutschland Friede und Reinheit, Sauberkeit, während sie in Asien für Tod und Trauer steht. Also: Vorsicht mit der Farbwahl!

Aber auch in der Symbolwelt kann es zu Missverständnissen kommen, so würde ein Deutscher beispielsweise das „Daumen hoch-Zeichen“ als „alles super“ verstehen, in Japan gilt es allerdings als Beleidigung, in China wird es mit der Zahl 5 assoziiert und in Indonesien mit der Zahl 6. Genauso signalisieren Sie mit dem „OK-Zeichen“ in Japan, dass es nun um geschäftliche Themen geht und in Südamerika wird es als sexuelle Anspielung verstanden.

Formate und Textmengen

Des Weiteren muss nicht nur auf Farben und Bilder geachtet werden, sondern auch auf technische Besonderheiten, wie beispielsweise unterschiedliche Datumsformate, die korrekte Angabe der Adresse oder die Vorwahl der Telefonnummer. Aber auch die Textlänge spielt in der Gestaltung eine wichtige Rolle, da ein Text eine andere Menge an Platz auf unterschiedlichen Sprachen einnimmt. Vom Deutschen ins Französische muss beispielsweise 30% mehr Platz eingerechnet werden, vom Deutschen ins Japanische wiederum 30% weniger. Vom Englischen ins Spanische wird doppelt so viel Platz benötigt. Daher muss darauf geachtet werden, dass alle Texte vollständig angezeigt werden, die Links noch funktionieren, das Design gut wirkt und ggf. der Platz für Eingabefelder angepasst wird.

Das Webdesign respektiert somit die kulturellen Unterschiede und bezieht sie in die Gestaltung mit ein. So gelingt die Kommunikation über das Internet weltweit!

Beispiel Webseite High-Context Kultur (Japan): https://syosetu.com

Beispiel Webseite Low-Context Kultur (Deutschland): https://www.beutekind.de oder https://www.blockmanufaktur.de

Vergleich zweier Seiten: https://de.yahoo.com und https://www.yahoo.co.jp

Quellenangaben

https://www.socialmediainternational.de/2014/04/09/andere-laender-andere-seiten-6-einblicke-in-interkulturelles-web-design/

https://www.webneo.de/blog/interkulturelles-webdesign/#3

Ein Beitrag von Annika Desoi

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